Wissenschaftsgeschichte
miniatur|hochkant=1.5|Astronomen in der frühen Neuzeit
Das Ziel der Wissenschaftsgeschichte (im Sinne einer Wissenschaftsgeschichtsschreibung) ist es, die historische Entstehung und Entwicklung der Wissenschaften und ihrer jeweiligen Disziplinen nachzuzeichnen. Hierzu bedient sie sich u. a. der Methoden der Geschichtsforschung. Dabei stammen Wissenschaftler, die Wissenschaftsgeschichte betreiben, oft selbst aus der Disziplin, die sie historisch bearbeiten. Wissenschaftsgeschichte erscheint dann als historischer Teil der jeweiligen Fachdisziplin.
Die englische Übersetzung von Wissenschaftsgeschichte ist nicht history of science, sondern history of research and scholarship (auch academic history, history of academia). Dabei werden sciences und humanities (history of scholarship) getrennt betrachtet.
Außer der Geschichte wissenschaftlicher Praxis, Theorien und Erkenntnisse können auch weitere Themengebiete Inhalt der Wissenschaftsgeschichte sein: z. B. Biographien ausgewählter Forscher, wissenschaftlich bedeutsame Expeditionen oder die Entwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften, Verlage, Sammlungen oder Organisationen. Auch die Geschichte wissenschaftlicher Ausbildungsordnungen und Abschlüsse fällt in den Bereich der Wissenschaftsgeschichte.Neuere Ansätze beschäftigen sich vor allem mit den praktischen Dimensionen der Wissenschaften (practical turn), mit ihren Objekten, Repräsentationen und Instrumenten sowie mit den sozialen Dimensionen der wissenschaftlichen Praxis.
Bei zahlreichen wissenschaftshistorischen Fragestellungen kann es zu starken Überschneidungen mit der allgemeinen Geschichtsforschung, der Technikgeschichte, der Wissenschaftstheorie und der Wissenschaftssoziologie kommen. Aus diesem Grund wird häufig die aus dem angloamerikanischen Bereich übernommene Bezeichnung STS (science, technology & society) verwendet, die, im Gegensatz zu Namen wie Geschichte der Naturwissenschaft oder Wissenschaftsgeschichte, die Breite des zu untersuchenden Gegenstandsbereichs betont.
Disziplin und Studienfach
Wissenschaftsgeschichte ist eine noch relativ junge wissenschaftliche Disziplin in Deutschland. Mit der Gründung des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte im Jahr 1994 setzte die Max-Planck-Gesellschaft einen nachhaltigen Impuls für die Forschung auf diesem Gebiet. An bundesdeutschen Hochschulen ist das Fach meist in den Bereichen Philosophie, Geschichte oder innerhalb der jeweiligen Disziplin (z. B. Medizingeschichte) angesiedelt. An der Universität Hamburg, der Universität Regensburg, der TU Berlin, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Stuttgart werden eigene Hauptfachstudiengänge angeboten. Als historisches Fach besteht hinsichtlich der Methodik ein enger Bezug zu den Geschichtswissenschaften. Gleichzeitig ist die Verankerung in der jeweiligen Fachdisziplin unabdingbar. Mit der Reform der Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses schränkte sich das Angebot an reinen wissenschaftshistorischen Studiengängen weiter ein. So wird nur mehr an der Universität Stuttgart ein Hauptfach-Bachelor angeboten, Masterstudiengänge im Fach Wissenschaftsgeschichte gibt es nur mehr an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Regensburg, die aus Kapazitätsgründen aber nur mehr ein Bachelor-Ergänzungsfach anbieten können.
1946 wurde in Frankfurt die erste deutsche Professur für Wissenschaftsgeschichte eingerichtet. An bundesdeutschen Hochschulen gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Professuren mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Schwerpunkten sowie verschiedene Graduiertenkollegs. Fachübergreifende Forschungsaktivitäten (Transdisziplinarität) werden für die Ausdifferenzierung des Faches künftig eine stärkere Bedeutung erlangen.
In Deutschland gibt es die fachübergreifenden wissenschaftlichen Forscherassoziationen Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, der Naturwissenschaften und der Technik (DGGMNT) und Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte (GWG). Die DGGMNT gibt seit 2008 die Zeitschrift NTM und die GWG seit 1978 die Zeitschrift Berichte zur Wissenschaftsgeschichte heraus.[http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2007/0813e Ehemaliger Direktor des Instituts für Geschichte der Pharmazie geehrt. Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte ernennt Fritz Krafft zum Ehrenmitglied]. Pressemitteilung der Philipps-Universität Marburg, 13. August 2007.
Seit 1955 vergibt die von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegründete History of Science Society (HSS) die George-Sarton-Medaille für besondere Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte.
Siehe auch
* Geschichte der Naturwissenschaften
Literatur
*Ludwig Darmstaedter und R.du Bois-Raymond: 4000 Jahre Pionierarbeit in den exakten Wissenschaften (nach Jahren sortiert), Berlin 1904, [http://www.archive.org/stream/jahrepionierarb01boisgoog#page/n7/mode/2up online bei archive.org]
* Fritz Wagner (Hg.): Orbis academicus. Problemgeschichten der Wissenschaft in Dokumenten und Darstellungen. Geisteswissenschaftliche, naturwissenschaftliche und philosophische/theologische Abteilung. 49 Werke in 59 Bänden. Verlag Karl Alber, Freiburg / München 1951–87.
Einführung in die Wissenschaftsgeschichte* John Desmond Bernal, Science in History, London 1954 (Übers. Ludwig Boll: Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin, 1967 bzw. Die Sozialgeschichte der Wissenschaften, Rowohlt, Hamburg 1978, ISBN 3-499-16224-5)
* Arne Hessenbruch: Reader's Guide to the History of Science. Fitzroy Dearborn, London-Chicago 2000.
* J. L. Heilbron: The Oxford Companion to the History of Modern Science, Oxford University Press, Oxford-New York 2003.
* Helge Kragh: An Introduction to the Historiography of Science, Cambridge University Press, Cambridge 1990.
* Peter Schmitter, Historiographie und Narration. Metahistoriographische Aspekte der Wissenschaftsgeschichtsschreibung der Linguistik, Narr, Tübingen 2003, ISBN 3-8233-6004-3
* Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Wissenschaft in zwei Bänden. Hg. v. Abraham Melzer. 2 Bde. Parkland, Köln 2004. zus. 827 S. ISBN 3-89340-056-7
* Franz Stuhlhofer: Lohn und Strafe in der Wissenschaft. Naturforscher im Urteil der Geschichte (Perspektiven der Wissenschaftsgeschichte; 4). Böhlau, Wien/Köln/Graz 1987
* Paul Ziche/Joppe van Driel: [http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0159-2011112141 Wissenschaft ], in: Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz), 2011, Zugriff am: 30. November 2011.
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*Dietrich von Engelhardt, Historisches Bewußtsein in der Naturwissenschaft: von der Aufklärung bis zum Positivismus, Alber, Freiburg [u. a.] 1979
* Gundolf Keil (Hg.): "gelêrter der arzenîe, ouch apotêker". Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte. Festschrift zum 70. Geburtstag von Willem F. Daems, Würzburg 1982 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 24)
*A.-K. Meyer, 'Setting up a Discipline: Conflicting Agendas of the Cambridge History of Science Committee, 1936–1950.' Studies in History and Philosophy of Science, 31, 2000
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Aktuelle Tendenzen der Wissenschaftsgeschichte* Mario Biagioli (Hg.): The Science Studies Reader, Routledge, New York [u. a.] 1999.
*Olaf Breidbach, Bilder des Wissens: zur Kulturgeschichte der wissenschaftlichen Wahrnehmung, Fink, München 2005.
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* John Krige, Dominique Pestre (Hgg.): Companion to Science in the Twentieth Century, Taylor & Francis, New York 2003, ISBN 9789057021725.
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* Jed Z. Buchwald (Hg.): Scientific Practice. Theories and Stories of Doing Physics, Chicago u.a. 1995. ISBN 0-226-07889-2.
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* Andrew Pickering: The Mangle of Practice, Chicago u.a. 1995. ISBN 0-226-66802-9.
* Andrew Pickering (Hg.): Science as practice and culture, Chicago u.a. 1992. ISBN 0-226-66800-2.
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Weblinks
* [http://www.sciencetimeline.net/ Graphische und tabellarische Übersicht] zur Wissenschaftsgeschichte der letzten 1000 Jahre, nach Alexander Hellemans / Bryan Bunch: The Timetables of Science, New York: Simon and Schuster 1988 u. a. Werken (englisch)
* [http://www.uni-regensburg.de/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/wissenschaftsgeschichte/fach/ Einführung] der Universität Regensburg
* [http://www.dggmnt.de Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e. V. (DGGMNT)]
* [http://www.eshs.org European Society for the History of Science]
* [http://www.gewige.de Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte]
* Simo Knuuttila / Sten Ebbesen u. a. (Hrsg.): [http://www.archive.org/search.php?query=creator%3A%22Knuuttila%2C%20Simo%2C%201946-%22 Knowledge and the sciences in medieval philosophy]. Proceedings of the Eighth International Congress of Medieval Philosophy (S.I.E.P.M.), Helsinki 1990.
* S. Nikolow: [http://www.uni-bielefeld.de/iwt/personen/nikolow/klassiker.pdf Auswahlbibliographie] zu Klassikern der Wissenschaftshistoriographie, Bielefeld 2006.
* [http://www.uni-leipzig.de/~zirnst/ Nawi.pdf] Umfangreiches Skriptum zur Geschichte der Naturwissenschaft, Technik und Landwirtschaft.
Quellen
ar:تاريخ العلوم
bg:История на науката
bn:বিজ্ঞানের ইতিহাস
ca:Història de la ciència
History of science
eo:Historio de scienco kaj teknologio
es:Historia de la ciencia
fa:تاریخ علم
fi:Tieteen historia
Histoire des sciences
gl:Historia da ciencia
gv:Shennaghys ny h-oaylleeaght as ny çhaghnoaylleeaght
he:היסטוריה של המדע
hu:Tudománytörténet
it:Storia della scienza
ja:科学史
ko:과학사
nl:Wetenschapsgeschiedenis
pap:Historia di ciencia
pl:Historia nauki
pt:História da ciência
ro:Istoria științei și tehnologiei
ru:История науки
sk:Dejiny vedy
sl:Zgodovina znanosti in tehnike
sq:Historia e shkencës
sr:Istorija nauke
sv:Vetenskapshistoria
ta:அறிவியல் மற்றும் தொழில்நுட்பவியலின் வரலாறு
th:ประวัติศาสตร์ของวิทยาศาสตร์และเทคโนโลยี
tl:Kasaysayan ng agham at teknolohiya
tr:Bilim ve teknoloji tarihi
vi:Lịch sử khoa học
yi:היסטאריע פון וויסנשאפט
zh:科学史
zh-classical:泰西格致史
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