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Verwaltungssprache

19.05.2012 @ 14:52, Hlambert63,

Unter Verwaltungssprache (auch „bürokratischer Code“, umgangssprachlich auch Beamtendeutsch oder Amtsdeutsch) versteht man eine sehr förmliche Ausdrucksweise im Schriftverkehr vieler Behörden und Verwaltungen, die aber auch in vielen Privatfirmen Verwendung findet. Der kompakte und auf vermeintliche Genauigkeit bedachte Stil dient dazu, einen Text als objektiv und unangreifbar erscheinen zu lassen. Begriffe aus Gesetzen und Verordnungen werden zu diesem Zweck oft unverändert übernommen.

Die Allgemeinheit betrachtet Verwaltungssprache als eine umständliche und für Behörden typische Form, mit der deutschen Sprache umzugehen. Insofern handelt es sich um einen Soziolekt bzw. eine Fachsprache. Ähnlich wie die Rechtssprache enthält sie kaum eigene Fremdworte, ist aber vor allem durch ihre grammatikalische Konstruktionen oft unverständlich und macht den Behördentext für den Leser undurchsichtig. Sie entspricht daher nicht der Forderung nach einer kundenorientierten Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern.

Im Jahr 2000 entschied die Stadtverwaltung von Bochum, Behördenbriefe zukünftig in einer bürgerfreundlichen Sprache zu verfassen. Eine Gruppe von Germanisten der Ruhr-Universität Bochum hilft allen deutschen Gemeindeverwaltungen, Amtstexte so zu gestalten, dass sie für Bürger leichter verständlich sind und stärker akzeptiert werden.

Merkmale


Kennzeichnend für die Verwaltungssprache ist, dass Substantive vor aktiven Verben bevorzugt werden (Nominalstil). Hierzu werden Tätigkeiten substantiviert („zur Anzeige bringen“ statt „anzeigen“) oder adjektiviert also in Eigenschaftswörtern ausgedrückt. Dadurch kann man oft nur noch aus dem Zusammenhang erkennen, wer die handelnde Person ist. Ferner werden häufig Substantivketten („Antrag auf Aufhebung des Bescheides des Ordnungsamtes über die Beseitigung …“) und mehrgliedrige Substantive („Leistungsnachweiserbringungspflicht“) benutzt, die den Text weiter verdichten.

Weiter fallen in der Verwaltungssprache formelhafte Umstandsbeschreibungen („zwecks Nachlassgewährung“, „unter Hintansetzung meiner Bedenken“), komplexe Adjektivbildungen („kindergeldrechtliche Berücksichtigung“) und häufige Passivbildungen auf („Es wird hier anerkannt“, „Um Rückantwort wird gebeten“). Der früher übliche geschwollene Floskelgebrauch („ergebenst“, „mit vorzüglicher Hochachtung“) ist dagegen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert deutlich zurückgegangen.

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| miniatur|Amtsschreiben von 1809 Seite 1
| miniatur|Amtsschreiben von 1809 Seite 2

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Wegfall des Fugen-s


In behördlichen Schreiben (z. B. auch Gesetzestexten) entfällt bei vielen zusammengesetzten Wörtern ein in der Alltagssprache übliches und orthographisch korrektes Fugen-s. So heißt es etwa:

* Verbandkasten anstelle von Verbandskasten
* Offizieranwärter anstelle von Offiziersanwärter
* Körperschaftsteuergesetz (statt Körperschaftssteuergesetz) als Beispiel für den Namen eines Steuergesetzes ohne Fugen-s
* Einkommensteuer

* nicht aber Schadenersatz, sondern Schadensersatz (im BGB); in Österreich Schadenersatz ohne Fugen-s (ABGB)

Diese Schreib- und Sprechweise wird insbesondere auch in der Versicherungswirtschaft eingesetzt. So wird der Schadensfall zum Schadenfall.

Beispiele für Beamtendeutsch


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* Auszubildender: Lehrling (Der Begriff wurde in den 1970ern mit dem Ausbildungsförderungsgesetz eingeführt.)
* Beelterung: Vermittlung einer Pflegefamilie für ein Kind„Die Welt“ vom 10. Dezember 2006: [http://www.welt.de/vermischtes/article701223/In_Sachen_Kutzner.html Familiendrama: In Sachen K…]
* Begleitgrün: Grünfläche, Grünstreifen oder Stadtbegrünung beim Straßenbauhttp://www.tuebingen.de/verwaltung/dienststellen#tiefbau
* Beschulung: Schulbesuch oder Erfüllung der Schulpflichthttp://www.sachsen-anhalt.de/index.php?id=18373
* Fahrtrichtungsanzeiger: Blinker (Das Fachwort umfasst aber auch den früher zulässigen Winker.){{§|5|stvo|juris}} StVO
* Handschließen, Schließzange: Handschellen (Die Schließzange ist ein andere Bauform und dient dem Führen von Gefangenen.)
* Lichtsignalanlagez. B. Richtlinien für Lichtsignalanlagen, Wechsellichtzeichen{{§|37|stvo|juris}} StVO, LichtzeichenanlageZeichen 131 der Straßenverkehrsordnung: Verkehrsampel (Das Fachwort „Lichtsignalanlage“ ist aber umfassender und schließt auch Verkehrszeichen ein.)
* Personenvereinzelungsanlage: Überbegriff für Drehkreuze, Drehtüren, Schleusen, die von Personen nur hinter- und nicht nebeneinander durchschritten werden können
* Postwertzeichen: Briefmarke
* Spontanvegetation: nicht-kultiviertes Grün (z. B. Unkraut, Wiesen usw.)http://www.neuss.de/leben/umwelt/eine-saubere-sache/spontanvegetation
* Studierender: Student (Der Begriff wurde bereits um 1825 verwendet und in den 1970er Jahren mit dem damaligen deutschen Hochschulrahmengesetz aufgegriffen; nützlich, da der Plural Studierende Frauen und Männer umfasst, was beim Plural Studenten heute nicht mehr als selbstverständlich gelten kann.)

* verbringen: hinbringen oder bringen (wird auch umgangssprachlich so verwendet)

Siehe auch


* Juristendeutsch
* Kanzleisprache
* Kanzleistil

* Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (1999)

Literatur


* Bernhard Asmuth: Verwaltungssprache. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 10: Nachträge A-Z. Berlin/Boston: de Gruyter 2012, Sp. 1417-1441.

* Peter Heinrich: Sprache als Instrument des Verwaltungshandelns. Eine Einführung in die Sprachwisssenschaft für Angehörige der öffentlichen Verwaltung. Hitit-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-924423-21-0 (Verwaltung, Recht und Gesellschaft 4).

Weblinks


{{Webliteratur|zuviel}}
{{Wiktionary|Verwaltungssprache}}
{{Wiktionary|Amtsdeutsch}}
* [http://www.rub.de/vt/ Kooperationsprojekt zwischen der Ruhr-Universität Bochum und der Stadt Bochum]
* [http://www.rub.de/idema Projekt der Ruhr-Universität: IDEMA - Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache]
* [http://www.baetzler.de/humor/rotkaeppchen_amtsdeutsch.html „Rotkäppchen“ auf Amtsdeutsch]
* [http://www.amtsdeutsch.net/ Amtsdeutsch.net, die Website des raumübergreifenden Großgrüns und der Jahresabschlussfiguren mit Flügeln]
* [http://nachrichten.rp-online.de/regional/der-kampf-gegen-das-amtsdeutsch-1.73805 Der Kampf gegen das Amtsdeutsch April 2010]

* [http://www.sueddeutsche.de/panorama/kampf-gegen-beamtendeutsch-die-plage-der-bandwurmwoerter-1.588646 sueddeutsche.de: Die Plage der Bandwurmwörter ]

Einzelnachweise


Kategorie:Fachsprache
Kategorie:Soziolekt
Kategorie:Verwaltungswissenschaft
Kategorie:Deutsche Sprache

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