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Verstehen

19.05.2012 @ 14:29, Hans-Jürgen Streicher,

Verstehen ist das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts, das nicht nur in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern auch und vor allem in der intellektuellen Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht. Verstehen bedeutet nach Wilhelm Dilthey, aus äußerlich gegebenen, sinnlich wahrnehmbaren Zeichen ein „Inneres“, Psychisches zu erkennen. Der Begriff „Verstehen“ wird häufig dem Begriff „Erklären“ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zueinander unklar bleibt. Der Philosoph Martin Heidegger definiert Verstehen folgendermaßen: "Das Dasein entwirft als Verstehen sein Sein auf Möglichkeiten."

Deutungsrahmen

Oft ist ein Verstehen nur mittels sogenannter Deutungsrahmen möglich. Deutungsrahmen sind gesellschaftlich verbreitete und individuell angeeignete Wissensstrukturen, auf die Prozesse des Verstehens aufbauen. Deutungsrahmen sind für das Verständnis von - vor allem sprachlicher - Kommunikation bedeutsam:
der Empfänger einer Information reichert in der meist ungenauen / unvollständigen Alltagskommunikation das Gehörte oder Gelesene mit Kontextinformationen an bzw. ergänzt es;

erst dadurch bekommt dieses seinen vollen bzw. einen eindeutigen Sinn. Er ordnet Sinneseindrücke und Erfahrungen einer bedeutsamen Struktur zu.

Deutungsrahmen sind mentale Repräsentationen der Welt im Gehirn des Einzelnen. Sie prägen seine Wahrnehmung des gesellschaftlichen Umfeldes und die Bedeutung, Sinnhaftigkeit und Einordnung sozialer Handlungen anderer Personen, und seine Reaktionen (zum Beispiel Empathie) darauf.

Man kann auch Deutungsrahmen von Gruppen gesellschaftlichen Gruppen oder Gesellschaften konstruieren.

Verstehen und Erkenntnis


Verstehen im obigen Sinn und als Interpretation setzt Intelligenz bzw. Geist voraus. Nach Werner Sombart beruht das Verstehen auf der Identität des Menschengeistes. Es ist also nur aufgrund der prinzipiellen Identität von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt möglich. Nur Menschen können daher im eigentlichen Sinne – von Menschen – verstanden werden.

Der Begriff des Verstehens im geistigen bzw. interpretativen Sinn spielt in der Philosophie und der Hermeneutik eine große Rolle. Ein Beispiel dafür ist die Frage des Philippus (Apostelgeschichte): „Verstehst du auch, was du da liest?“ (Philippus fragt den Äthiopier, Apg 8,30)

:Siehe auch Erkenntnistheorie

Verstehen in der Textanalyse


Als Arbeitsgrundsätze der Verstehens in der Textanalyse werden angeführtVon Brun, Georg; Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. - Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. - ISBN 978-3-8252-3139-2.:

* Textbezogenheit: Auf den analysierten Text ist ausdrücklich Bezug zu nehmen.
* Schriftlichkeit: Die wichtigsten Gedanken und Ergebnisse sind schriftlich zu fixieren.
* Diskursivität: Eine Textanalyse muss nachvollziehbar und begründet sein.
* Prinzip des hermeneutischen Zirkels: Ein Text ist mehrfach zu lesen, "um das Verständnis von Teilen und Ganzem wechselseitig zu prüfen und zu überarbeiten."Brun, Georg; Gertrude Hirsch Hadorn: Textanalyse in den Wissenschaften. - Zürich: vdf (UTB Nr. 3139), S. 9. - ISBN 978-3-8252-3139-2.

* Prinzip der wohlwollenden Interpretation (principle of charity): Solange und soweit wie möglich ist davon auszugehen, dass der Autor wahrhaftig, rational und konsistent argumentiertRöhl, Klaus F.; Hans Christian Röhl: Allgemeine Rechtslehre. 3. Auflage. C. Heymanns, Köln u.a. 2008, § 5 III, S. 53.

Weitere Bedeutungen


Der Begriff Verstehen meint darüber hinaus auch:
; Akustisches richtiges Aufnehmen von Gesprochenem
: Verstehen einer sprachlichen Mitteilung kann durch verschiedenartige Störungen erschwert werden, beispielsweise durch Rauschen oder durch Schwerhörigkeit. Verstehen kann durch Redundanz erleichtert werden. Bei sprachlichen Mehrdeutigkeiten und unterschiedlichem Weltwissen kann es zu Missverständnissen führen. Bei genügend Redundanz ist auch bei starker Fehlerhaftigkeit der Information noch Verstehen möglich.
; Verstehen der Sprache, insbesondere einer fremden
: Beim Verstehen einer Sprache geht es einerseits um einen Lern- und Erfahrungsprozess, andererseits um die erschwerte Interpretation des aufgenommenen Sachverhalts.
; Auslegung bzw. Interpretation (Hermeneutik)
: Botschaften werden beim Entschlüsseln immer mit eigenen Erfahrungen und Weltbildern vermischt. Das Ergebnis ist also ein anderes als das, was der Sender gemeint hat.
; Expertentum (sich auf etwas verstehen)
: Experten entwickeln oft eine eigene Sprache, mit der sie sich von Dritten abgrenzen, indem sie sich untereinander verstehen, aber von anderen nicht verstanden werden. Man spricht umgangssprachlich auch von Fachlatein.
; Sich verstehen (z. B. zwischen Personen, in der Einigung auf Preise)
: Wenn Menschen sich verstehen, kann dies mehreres bedeuten:
:* ein Erfassen der sprachlichen Mitteilung des Anderen (→ Fremdsprache),
:* eine Sympathie oder Intuition zwischen Menschen, die oft durch Blick und Körpersprache ausgelöst oder verstärkt wird,
:* das Einfühlen (Verständnis), das intensive zwischenmenschliche Kommunikation voraussetzt und meist auch emotionale Aspekte enthält, oder
:* die Selbsterkenntnis, das Verstehen des Ich und möglichst auch seine Akzeptanz.

: Die letzten beiden Aspekte erfordern neben Willens- und geistigen Prozessen auch emotionale Intelligenz.

Ob Tiere etwas verstehen können, ist umstritten. Versuche bei Affen zeigten aber, dass sie eine dreistellige Anzahl von Wörtern lernen und richtig anwenden können.

Zitate


{{Zitat|Welche Wortspiele und Verrenkungen die Logik auch anstellen mag – verstehen heißt vor allem vereinen. Das tiefe Verlangen des Geistes trifft sich selbst bei seinen verwegensten Schritten mit dem unbewussten Gefühl des vor seine Welt gestellten Menschen: das Bedürfnis nach Vertrautheit, das Verlangen nach Klarheit. Die Welt verstehen heißt für einen Menschen, sie auf das Menschliche zurückführen, ihr seinen Siegel aufdrücken.|Albert Camus|Der Mythos des Sisyphos. Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000, ISBN 3-499-22765-7, S. 27f.}}
{{Zitat|Ich höre und vergesse. Ich sehe und behalte. Ich handle und verstehe.|Konfuzius}}
{{Zitat|Jegliches Verstehen von etwas oder von jemandem, somit auch der Gesellschaft, verlangt ein wohlwollende Einstellung ihm gegenüber.|Norbert BrieskornNorbert Brieskorn, Michael Reder: Sozialphilosophie. Komplett-Media, München 2011, S. 11 - ISBN 978-3-8312-0379-6}}

{{Zitat|Man lernt nichts kennen als das, was man liebt. Und je tiefer und vollständiger die Kenntnis werden soll, desto stärker und lebendiger muss Liebe ja Leidenschaft sein.|Johann Wolfgang von GoetheGoethe, Brief an Friedrich Jacobi, zitiert in: Norbert Brieskorn, Michael Reder: Sozialphilosophie. Komplett-Media, München 2011, S. 12 - ISBN 978-3-8312-0379-6}}

Siehe auch


* Soziologie als 86verstehende87 Wissenschaft bei Max Weber
* Psychologie als 88verstehende89 Wissenschaft bei Wilhelm Dilthey
* Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher
* Hans-Georg Gadamer

* Hamburger Verständlichkeitskonzept

Weblinks


{{Wikiquote|Verstehen}}

{{Wiktionary|verstehen}}

Einzelnachweise


Kategorie:Erkenntnistheorie

ca:Enteniment
ckb:تێگەیشتن
Understanding
es:Entendimiento
fi:Ymmärrys
Compréhension
ia:Comprehension
it:Comprensione
nl:Verstehen
qu:Hap'iqay
ru:Понимание
sk:Chápanie
sq:Kuptimi
th:ความเข้าใจ
zh:理解

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