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Paradigmenwechsel

06.02.2012 @ 14:01, Tets,

Der Ausdruck Paradigmenwechsel wurde 1962 von Thomas S. Kuhn geprägt und bezeichnet in dessen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftshistorischen Schriften den Wandel grundlegender Rahmenbedingungen für einzelne wissenschaftliche Theorien, z. B. Voraussetzungen „in bezug auf Begriffsbildung, Beobachtung und Apparaturen“,T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, S. 57 (Übers. von The Structure of Scientific Revolutions) die Kuhn als Paradigma bezeichnet.

Die Präzisierung des Kuhnschen „Paradigma“-Begriffes ist ebenso wie seine systematischen Thesen und seine historischen Analysen nach wie vor strittig.

In der Umgangssprache wird von „Paradigmenwechsel“ öfters auch in unspezifischerem Sinne gesprochen. Entweder sind dann für besonders wichtig gehaltene wissenschaftliche Entwicklungen gemeint oder z. B. auch ein Wechsel der Lebenseinstellung (etwa grundlegende Werte betreffend) oder auch Umbrüche in anderen lebensweltlichen oder fachlichen Zusammenhängen.

Alternativen


Innerhalb der Wissenschaftsphilosophie und -geschichte wurden vor und nach Kuhn dieselben oder verwandte Ereignisse oder Episoden, die Kuhn als „Paradigmenwechsel“ beschreibt, mit unterschiedlichen systematisch ausgearbeiteten Resultaten und Methoden und in der Wissenschaftsgeschichte zur Beschreibung von „wissenschaftlichen Revolutionen“, „Theoriendynamik“ oder „Theorienwandel“ angewandten Begrifflichkeiten zu beschreiben versucht, beispielsweise von Ludwik FleckL. Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftliche Tatsache. Einführung in die Lehre von Denkstil und Denkkollektiv, Benno Schwabe, Basel 1935., der in einer vielrezipierten Studie von 1935 von „Denkstilen“ spricht.

Kuhns Inkommensurabilitätsthese


Kuhn geht davon aus, dass sich nur innerhalb eines bestimmten Paradigmas einzelne wissenschaftliche Theorien und Hypothesen nachvollziehen hinsichtlich ihrer Erklärungskraft und ihrer Gültigkeit überprüfen und vergleichen lassen können (sog. Inkommensurabilitätsthese). Daher ist für Kuhn der Übergang von einem Paradigma zu einem anderen keine Frage besserer rationaler Argumente oder besserer empirischer Belege, da vom jeweiligen Paradigma abhängig sein soll, welche Begriffe für die Argumente zulässig sind und welche methodischen Voraussetzungen und Dispositionen, was als relevante Daten mittels welcher Arten von Beobachtungen überhaupt in den Blick kommt, gelten.

Terence Ball unterscheidet bei Kuhn zwischen der These der perfekten oder strikten Inkommensurabilität, die Kuhn vor allem in „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ vertritt, und der These der inperfekten oder partiellen Inkommensurabilität in späteren TextenVgl. Postskript zur zweiten Edition der „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“; „Reflections on my critics“, beide 1970. Ball vertritt die These, dass die strikte Inkommensurabilitätsthese den kuhnschen Paradigmenwechsel intern inkonsistent mache, da Theorie und Theorie´ vollkommen unterschiedliche, unvergleichbare Phänomene betrachten. Die Anomalien in T könnten deshalb unmöglich durch T´ erklärt werden, wenn sie im strikten Sinn inkommensurabel wären. Eine Konkurrenz zwischen Paradigmen wäre so nicht möglich. Die partielle Inkommensurabilitätsthese besagt, das T und T´ zumindest gewisse empirische Phänomene in die jeweils eigene Theorie übersetzen können, bestimmte Bedeutungs-Äquivalente vorhanden sind (man denke an das Übersetzen einer Sprache in die andere), und so Anomalien in T durch T´ erklärt werden können.Vgl. Terence Ball: From Paradigms to Research Programs: Toward a Post-Kuhnian Political Science. American Journal of Political Science Vol. 20, No. 1 (Feb. 1976). S. 154-157 ([http://mavdisk.mnsu.edu/parsnk/Linked%20Readings/policy%20analysis-669/ball%20lakatos.pdf Online])

Kuhn selbst hielt 1976 fest, dass er mit Inkommensurabilität im Gegensatz zur Auffassung der meisten Leser nicht meinte, dass Theorien nicht vergleichbar wären, sondern dass er sich auf Inkommensurabilität im mathematischen Sinn bezog.{{Zitat-en|Text=Most readers [...] have supposed that when I spoke of theories as inkommensurable, I meant that they could not be compared. But 'incommensurability' is a term borrowed from mathematics, and it there has no such implication. The hypotenuse of an isosceles right triangle is incommensurable with its side, but the two can be compared to any required degree of precision.|Autor= T.S.Kuhn|Quelle=Theory-Change and Structure-Change: Comments on the Sneed Formalism Erkenntnis, 10, 179-199 (1976)|Übersetzung=Die meisten Leser [...] haben angenommen, dass, wenn ich von Theorien als inkommensurabel sprach, ich meinen würde, dass sie nicht vergleichbar seien. Aber 'Inkommensurabilität' ist ein aus der Mathematik entliehener Ausdruck, und dort hat er keine solche Implikation. Die Hypotenuse eines gleichschenkeligen und rechtwinkligen Dreiecks ist inkommensurabel mit seiner Seite, aber beide können mit beliebiger Genauigkeit verglichen werden.}} Generell war die Inkommensurabilitätsthese Gegenstand ausführlicher und lange anhaltender Debatten.Vgl. {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/scientific-revolutions/#IncRev|Scientific Revolutions. 3. Kuhn's Account of Scientific Revolutions. 4.1 Incommensurability revisited|Thomas Nickles}}

Rezeption und Kritik


Kuhns Ansatz stellt eine radikale Reaktion auf das Problem der Falsifikation bzw. der Ideen des Falsifikationismus (und auch des Verifikationismus) dar. Andere Wissenschaftstheoretiker haben versucht, auch in Reaktion auf Kuhn, an Grundideen des Falsifikationismus festzuhalten undv dessen Erklärungsschemata weiterzuentwickeln. Imre Lakatosoder der frühe Paul Feyerabend haben vorgeschlagen, dass es bei der Prüfung von Theorien nicht um Widersprüche zwischen einer in einem einzigen Basissatz ausgedrückten Beobachtungstatsache und einer Theorie gehe, sondern um Widersprüche zwischen Theorien, insb. einer Theorie, welche diese Beobachtung erklärt („Beobachtungstheorie“, „Hintergrundtheorie“) und einer zu prüfenden Theorie. Auf etwaige Erklärungsprobleme könne daher auch rational reagiert werden durch Austausch der „Hintergrundtheorien“, aber Festhalten an einer zu verteidigenden Theorie. Bei Rekonstruktionen wissenschaftsgeschichtlicher Episoden gehe es dann nicht darum, einzelne Theorien zu prüfen, sondern eine bestimmte Serie von Theorien zu analysieren. Eine als zusammenhängend rekonstruierte Theorienabfolge nennt Lakatos „Forschungsprogramm“.

Ein solches Forschungsprogramm schließt dabei u. a. methodologische Regeln ein, wie die Theorie zu entwickeln und ggf. bei auftretenden Problem zu schützen ist. Damit eine Theorienabfolge als wissenschaftlicher Fortschritt rekonstruiert werden kann, müssen nach Lakatos folgende Bedingungen erfüllt sein: Eine neuere Theorie T2 sagt Tatsachen voraus, die von Standpunkt einer früheren Theorie T1 aus nicht erwartet würden („theoretisch progressiv“); solche Hypothesen sind teilweise tatsächlich empirisch bestätigt („empirisch progressiv“); T2 kann erklären, warum T1 sich bisher empirisch bewährte.vgl. etwa I. Lakatos, A. Musgrave: Kritik und Erkenntnisfortschritt, Braunschweig 1974 (engl. Original 1970)

{{Zitat-en|The clash between […] Kuhn [and his critics] is not about a mere technical point in epistemology. It concerns our central intellectual values, and has implications not only for theoretical physics but also for the underdeveloped social sciences and even for moral and political philosophy.|Autor=Imre Lakatos|Quelle=zitiert nach: Terence Ball: From Paradigms to Research Programs: Toward a Post-Kuhnian Political Science. American Journal of Political Science Vol. 20, No. 1 (Feb. 1976). ([http://mavdisk.mnsu.edu/parsnk/Linked%20Readings/policy%20analysis-669/ball%20lakatos.pdf Online])|Übersetzung=Der Konflikt zwischen […] Kuhn [und seinen Kritikern] dreht sich nicht um einen bloß technischen Punkt der Epistemologie. Er betrifft unsere zentralen intellektuellen Werte, und hat nicht nur Implikationen für theoretische Physik, sondern ebenso für die unterentwickelten Sozialwissenschaften und sogar für Moral- und politische Philosophie.}}

Einzelnachweise


Literatur


* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/thomas-kuhn/|Thomas Kuhn|Alexander Bird}}
* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/scientific-revolutions/|Scientific Revolutions|Thomas Nickles}}

* {{SEP|http://plato.stanford.edu/entries/scientific-progress/|Scientific Progress|Ilkka Niiniluoto}}

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