Leichenpredigt
Eine Leichenpredigt ist eine Predigt, die ein Geistlicher bei der Beerdigung Verstorbener an deren Grab oder in der Kirche hält. Im engeren historischen Sinn versteht man unter Christlichen Leichenpredigten Trauerschriften, die insbesondere in der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert im protestantischen Raum verfasst und häufig auch gedruckt wurden. Sie gehören zur Gattung der Personalschriften, also den Schriften, die anlässlich von Geburtstagen, Taufen, Verlobungen, Hochzeiten, Amtseinführungen, Jubiläen oder zum Tod eines Menschen entstanden. Im deutschen Sprachraum sind rund 300.000 derartige Leichenpredigten überliefert.
Die 1976 gegründete Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg, seit 1984 eine Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, ermittelt und katalogisiert Leichenpredigten anhand speziell von ihr entwickelter Auswertungsschemata. Das besondere Interesse gilt dabei den in diesen Quellen enthaltenen, oft ausführlichen Biographien der Verstorbenen. Neben den in Form von gedruckten Katalogen und Online-Datenbanken publizierten Arbeitsergebnissen der Forschungsstelle existieren weitere Verzeichnisse, die Leichenpredigtenbestände mittels der Namen von Verstorbenen und Autoren erfasst haben. Dazu gehört u.a. der Gesamtkatalog der Personalschriften- und Leichenpredigtensammlungen der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig.
Aufbau einer Leichenpredigt
Die frühen Leichenpredigten bestehen fast ausschließlich aus der eigentlichen Predigt, in der biographische Notizen zum Verstorbenen nur vereinzelt auftauchen. Erst nach 1570 ist die Entstehung eines eigenständigen Personalia-Teils zu beobachten. Gegen Ende des 16. und im Laufe des 17. Jahrhunderts gesellen sich zu Predigt und Lebenslauf weitere Bestandteile hinzu, etwa Trauergedichte (Epicedien), Gedächtnis- und Überführungspredigt, Abdankung, akademische Trauerschrift, Trauerkompositionen sowie aufwändige bildliche Darstellungen [http://www.personalschriften.de/leichenpredigten.html Leichenpredigten – Aufbau, Geschichte und Quellenwert].
Geschichte der Leichenpredigten
Der Brauch, das Andenken Hinterbliebener mit einer gedruckten Leichenpredigt zu ehren, ist im 16. Jahrhundert unmittelbar nach der Reformation im mitteldeutschen Raum - dem Kerngebiet des lutherischen Protestantismus - aufgekommen. Grabreden zur Beerdigung Verstorbener hatte es schon früher gegeben. Mit seinem „Sermon von der Bereytung zum Sterben“ lieferte Martin Luther 1519 einen ersten Vorläufer dieser Trauerschriften. Als wichtigste Anforderungen an eine Leichenpredigt definierte er das Lob Gottes, den Trost und die Erbauung der Hinterbliebenen sowie die Belehrung der versammelten Gemeinde. Seine Predigten auf Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen 1525 und dessen Bruder, Johann den Beständigen 1532, gelten als die ersten „klassischen“ gedruckten Leichenpredigten.
Rasch verbreitete sich der Brauch in den übrigen Gebieten des lutherischen Bekenntnisses und wurde - in geringerem Maße - auch von Zwinglianern, Calvinisten und selbst von Katholiken aufgegriffen. Bei letzteren wurde diese Ehrung jedoch nur ausnahmsweise für Würdenträger eingeführt; stattdessen ist in einigen katholischen Regionen (Bayern, Österreich) die Verteilung von kleinen Blättern (Sterbezetteln) üblich, die mit den Lebensdaten, einigen Verszeilen, Gebeten, Porträts des Verstorbenen, Abbildungen christlicher Kunstwerke (z. B. einer Pietà ) etc. bedruckt sind. Die lutherische Kirche wollte mit den Trauerschriften zeigen, dass auch unter ihrer Obhut seliges Sterben mit der Gewissheit auf die Gnade Gottes möglich war. Dieses Bedürfnis führte im 17. Jahrhundert dazu, in die zu einem selbstständigen Bestandteil der Druckschrift erweiterten Biographien der Verstorbenen – die sog. Personalia – ausführliche Schilderungen der Sterbeszenen und des sie begleitenden geistlichen Rituals aufzunehmen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam der Brauch dann weitgehend zum Erliegen.
Gedruckt wurden Leichenpredigten überwiegend für Adlige und das wohlhabende Bürgertum, die soziale Oberschicht. Dem entspricht die nicht selten kostspielige Ausstattung mit einem Porträt des Verstorbenen als Holzschnitt, später in Kupfer gestochen, auch mit Noten und Text von Trauerkompositionen. Erhaltene Druckereirechnungen weisen Auflagen zwischen 100 und 300 Exemplaren nach; der Umfang konnte von anfangs 10 bis 20 Seiten in den Buchformaten Oktav oder Quart, später im 17. Jahrhundert vor allem bei Hochadligen bis auf 100, 200 und mehr Seiten in Folio oder gar Großfolio anwachsen. Messekataloge des Buchhandels belegen, dass die Leichenpredigten im 17. Jahrhundert als Erbauungsliteratur zur bevorzugten Lektüre gehörten. Gelegentlich gab es sogar Neuauflagen.
Vergleichende Aussagen über die regionale Überlieferungsdichte von Leichenpredigten lassen sich nicht sinnvoll treffen, solange die bibliographische Erfassung von Drucken der frühen Neuzeit verschiedene Regionen unterschiedlich gründlich erfasst.Jürgen Beyer: How complete are the German national bibliographies for the sixteenth and seventeenth centuries (VD16 and VD17)?, in: Malcolm Walsby u. Graeme Kemp (Hgg.): The book triumphant. Print in transition in the sixteenth and seventeenth centuries (=Library of the written word, Bd. 15; =The handpress world, Bd. 9), Leiden u. Boston: Brill 2011, S. 57-77
Die erbauliche Absicht der Leichenpredigten, die sie mit der Hagiographie des Mittelalters, der Predigtliteratur oder den Grabmonumenten der Barockzeit teilt, sowie ihr Charakter als Gelegenheitsschrifttum haben ihrer Entdeckung als Geschichtsquelle lange Zeit im Weg gestanden. Das Interesse der modernen Forschung an der Gattung Leichenpredigt ist bei zahlreichen Disziplinen durch die Mannigfaltigkeit der Informationen geweckt worden, die über das rein biographische Material hinaus gehen.
Leichenpredigten als Quellen
Die Leichenpredigten bieten eine Fülle statistisch verwertbarer Daten in räumlicher Differenzierung. Damit lassen sich z.B. Fragestellungen zur damaligen Säuglings- und Kindersterblichkeit, zum durchschnittlichen Immatrikulationsalter der Studienanfänger oder zur Wanderung von Handwerksgesellen beantworten. Als multi- und interdisziplinäre Quellen können die Leichenpredigten somit von den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen genutzt werden:
: Bildungsgeschichte, Biographik, Emblematik, Epigraphik, Genealogie, Geschlechtergeschichte, Heraldik, Historische Demographie, Kulturanthropologie, Ikonographie, Kriminalitätsgeschichte, Kulturgeschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Medizingeschichte, Militärgeschichte, Historische Musikwissenschaft, Pharmaziegeschichte, Prosopographie, Sozialgeschichte, Stadtgeschichte, Thanatologie, Theologie, Universitätsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
Literatur
*[http://www.personalschriften.de/forschungsstelle/publikationen/marburger-personalschriften-forschungen.html Marburger Personalschriften-Forschungen], hrsg. bis Bd. 50 von Rudolf Lenz, ab Bd. 51 von Eva-Maria Dickhaut, Schwarz-Verlag Marburg (Bd. 1-9), Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen (Bd. 10-31), Franz Steiner Verlag Stuttgart (Bd. 32ff)
*[http://www.personalschriften.de/forschungsstelle/publikationen/leichenpredigten-als-quelle-historischer-wissenschaften.html Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften], Bd. 1-4, hrsg. von Rudolf Lenz, Franz Steiner Verlag Stuttgart
*[http://www.personalschriften.de/datenbanken/bibliographie.html Bibliographie zur Leichenpredigten-Literatur], Datenbank der Forschungsstelle für Personalschriften
* Artikelserie [http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserie.html „Leben in Leichenpredigten“]
Weblinks
*[http://www.personalschriften.de/ Forschungsstelle für Personalschriften]
*[http://www.personalschriften.de/datenbanken/gesa.html Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA)] Datenbank der Forschungsstelle für Personalschriften
*[http://diglib.hab.de/edoc/ed000010/startx.htm Katalog der Leichenpredigten] der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
*[http://bvbm1.bib-bvb.de/R/J9AAEAMR7AV61RB4NFBKQS6G1PBCDJ38CLI81DHSAMPNV4IAXC-00210?func=collections&collection_id=1343&local_base=SBG&pds_handle=GUEST Digitalisate fürstbischöflicher Leichenpredigten] der Staatsbibliothek Bamberg
*[https://wiki.bsz-bw.de/doku.php?id=linksammlungen:fabio:leichenpredigten FabiO: Fachbibliographien und Online-Datenbanken], Link-Sammlung zu Leichenpredigten des Bibliotheksservice-Zentrums Baden-Württemberg
Einzelnachweise
Kategorie:Predigt
Kategorie:Geschichtswissenschaft zur Frühen Neuzeit
Kategorie:Literatur (17. Jahrhundert)
Kategorie:Erbauungsliteratur
Kategorie:Genealogie
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