Kritik
Unter Kritik versteht man die Beurteilung eines Gegenstandes oder einer Handlung anhand von Maßstäben. Wie die Philosophin Anne-Barb Hertkorn ausgeführt hat, ist Kritik damit „eine Grundfunktion der denkenden Vernunft und wird, sofern sie auf das eigene Denken angewandt wird, ein Wesensmerkmal der auf Gültigkeit Anspruch erhebenden Urteilsbildung“.{{Literatur | Autor=Anne-Barb Hertkorn | Titel=Kritik und System | TitelErg=Vergleichende Untersuchungen zu Programm und Durchführung von Kants Konzeption der Philosophie als Wissenschaft | Auflage= | Verlag=phronesis | Ort=München | Jahr=2009 | ISBN=978-3-00-019509-9 | Seiten=32 }} ({{Google Buch|BuchID=5rKNgynVqGMC |Seite=32 |Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}})
Umgangssprachlich bezeichnet Kritik meist einen Tadel.
Etymologie
Das Wort „Kritik“ wurde am Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Französischen übernommen.{{Literatur | Autor=Ute Schneider | Titel=Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der Gelehrtenrepublik | TitelErg= | Auflage= | Verlag=Harrassowitz | Ort=Wiesbaden | Jahr=1994 | ISBN=3-447-03622-2 | Seiten=3 }} ({{Google Buch|BuchID=ERr73mzAb0wC |Seite=3|Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}}) Das französische Wort critique wiederum geht auf {{grS|κριτική [τέχνη]}} (kritikē [téchnē], abgeleitet von κρίνειν krínein‚ [unter-]scheiden‘, ‚trennen‘) zurück.
Begriffsgeschichte
Literaturkritik
:→ Hauptartikel: Literaturkritik
Im Deutschen erschien der Ausdruck „Kritik“ erstmals im ausgehenden 17. Jahrhundert, wo er in Anlehnung an den französischen Sprachgebrauch zunächst in der Literaturtheorie Verwendung fand.Z. B. Zedlers Universallexikon, Band 5, 1733 Angeregt durch Denker wie Pierre Bayle (Dictionnaire historique et critique, 1695‒97) entstanden im deutschsprachigen Raum Regelpoetiken wie Johann Christoph Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730). Der Ausdruck „Literaturkritik“ bezeichnete in diesem Zusammenhang nicht so sehr die Rezension individueller literarischer Werke, sondern vielmehr den literaturtheoretischen Diskurs, den Gottsched zu nutzen versuchte, um seine regelpoetischen Vorstellungen als Grundlage eines gedanklichen und ästhetischen Wertes von Literatur normativ durchzusetzen.{{Literatur | Autor=Bodo Plachta | Titel=Literaturbetrieb | TitelErg= | Auflage= | Verlag=W. Fink/UTB | Ort=Paderborn | Jahr=2008 | ISBN=978-3-7705-4326-7 | Seiten=93 }} ({{Google Buch|BuchID=J8J_luWOriEC |Seite=PA93 |Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}})
Lessing hielt von der Regelpoetik nicht viel und entwickelte im 18. Jahrhundert das Konzept einer diskursiven Literaturkritik, deren Ausgangspunkt die persönliche Auseinandersetzung des Lesers mit dem Text ist.[https://www.phf.uni-rostock.de/institut/igerman/forschung/litkritik/litkritik/start.htm?/institut/igerman/forschung/litkritik/litkritik/Kritiker/AbLessing.htm Literaturkritik. Geschichte ‒ Theorie ‒ Praxis: Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)] www.phf.uni-rostock.de Dieses Konzept wurde vielfach erweitert und differenziert, ist aber bis heute aktuell.
Neben der Literaturkritik sind bis heute zahlreiche weitere Formen der Kritik entstanden, wie die Theaterkritik, die Kunstkritik, die Architekturkritik, die Musikkritik, die Filmkritik, die Gastronomiekritik und die Spielekritik.
Philosophie
In England entwickelte Shaftesbury 1711 einen universalen Kritikbegriff, den er auf die menschliche Natur zurückführte.{{Literatur | Autor=Shaftesbury; Lawrence E. Klein (Hrsg.) | Titel=Characteristics of Men, Manners, Opinions, Times | TitelErg= | Auflage= | Verlag=Cambridge University Press | Ort= | Jahr=1999 | ISBN=0-521-57022-0 | Seiten= }} ({{Google Buch|BuchID= IuUDuIuQFo8C |Seite=|Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}}) Auch sein Schüler Henry Home sah die Quelle der Kritik in der Natur.{{Literatur | Autor=Henry Home, Lord Kames | Titel=Elements of Criticism | TitelErg= | Auflage=2. | Verlag=Conner & Cooke | Ort=New York | Jahr=1833 | ISBN= | Seiten= }} ({{Google Buch|BuchID=5fgAAAAAYAAJ |Seite=|Linktext=vollständige Online-Version|Land=US}}); {{Literatur | Autor=Anne-Barb Hertkorn | Titel=Kritik und System | TitelErg=Vergleichende Untersuchungen zu Programm und Durchführung von Kants Konzeption der Philosophie als Wissenschaft | Auflage= | Verlag=phronesis | Ort=München | Jahr=2009 | ISBN=978-3-00-019509-9 | Seiten=33 }}
Erkenntnistheorie
Nicht nur Gottscheds, sondern auch Immanuel Kants Kritikbegriff war unmittelbar von Pierre Bayle beeinflusst. Bayle hatte Kritik als eine Tätigkeit beschrieben, die die Vernunft von der Offenbarung scheide;{{Literatur | Autor=Anne-Barb Hertkorn | Titel=Kritik und System | TitelErg=Vergleichende Untersuchungen zu Programm und Durchführung von Kants Konzeption der Philosophie als Wissenschaft | Auflage= | Verlag=phronesis | Ort=München | Jahr=2009 | ISBN=978-3-00-019509-9 | Seiten=33 }} ({{Google Buch|BuchID=5rKNgynVqGMC |Seite=32 |Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}}) Kant verwendete den Ausdruck in diesem Sinne erstmals 1763/64:
{{Zitat|Eine Vernunfterkenntnis, die keine anderen principia hat als empirische Begriffe, kann nur eine Kritik sein […].|Immanuel Kant|Reflexionen zur Metaphysik, S. 255[http://www.korpora.org/kant/aa17/255.html Kant: AA XVII, Reflexionen zur Metaphysik, Seite 255] }}
Auch später benutzte Kant den Ausdruck Kritik nicht im Sinne von Infragestellen, sondern von Analyse und Prüfung, etwa in seinem 1781 veröffentlichten erkenntnistheoretischen Hauptwerk Kritik der reinen Vernunft, aber auch in den beiden späteren „Kritiken“ (Kritik der praktischen Vernunft, 1788; Kritik der Urteilskraft, 1790).
In demselben Sinne verwendete auch Karl Marx den Ausdruck, etwa in seiner Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859).
Foucault
Die Aufgabe von Kritik kann enger oder weiter gefasst werden. Enger gefasst dient Kritik der Bewertung eines Gegenstandes oder eines Verhaltens. Dagegen sehen Philosophen wie Michel Foucault die Aufgabe der Kritik in einem weiter gefassten oder dem Beurteilen von Gegenständen überschreitendem Rahmen. Danach soll es die Hauptaufgabe der Kritik sein, das „System der Bewertung selbst“ kenntlich zu machen.
Diese Unterscheidung erfolgt, weil Bewertungen einem bestimmten Normensystem (→Normativität) entsprechen und somit die Kritik und das Subjekt, das diese Bewertung vornimmt, sich einer vorgegebenen Norm unterwerfen. Dieses Normensystem kann zum Beispiel als „Wahrheit“ bezeichnet werden. Um dieser Unfreiheit der Unterwerfung zu entkommen, bietet Foucault an, das System der Bewertung selbst zu hinterfragen und sich über Sinn und Zweck dieser „Wahrheiten“, „Diskurse“ etc. ein eigenständigeres Bild zu machen. Ziel ist es, den Zwangsmechanismen zu entkommen, die ein Subjekt dazu nötigen, sich formen zu lassen.Vgl. Michel Foucault: Was ist Kritik? Berlin 1982.
Kritik ist nicht etwas allgemeines, sondern eine je bestimmte Tätigkeit der Reflexion auf einen Gegenstand der Reflexion, die getätigt wird von einem ganz bestimmten Ort. Diese Orte oder Positionen werden je nach erkenntnistheoretischem Kontext mit den Begriffen institutionalisierte Praxis, Diskurs, Epistem oder Institution bezeichnet.Vgl. Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend. transform.epicp.net, Mai 2001. ([http://transform.eipcp.net/transversal/0806/butler/de/ Online]. Abgerufen am 8. Juni 2010)
Kritik ist dann nicht mehr als Kritik erkennbar, wenn „sie nur noch als rein verallgemeinerbare Praxis dasteht.“ Hier grenzt sich Kritik von anderen Begriffen, etwa Krittelei,Raymond Williams: Keywords. New York 1976, S. 75f. ab.
Soziologie
Die Vertreter der Kritischen Theorie unterzogen die Marx’schen Schriften einer umfassenden Neuinterpretation. So verstanden sie deren Kernaussagen nicht als Geschichtsphilosophie oder wirtschaftswissenschaftliche Lehre, sondern als (Ideologie-) Kritik der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Die Kritische Theorie entwickelte sich zu einer kulturkritischen Metatheorie der westlichen Industriekultur.{{Literatur | Autor=Carsten Barwasser | Titel=Theologie der Kultur und Hermeneutik der Glaubenserfahrung | TitelErg=Zur Gottesfrage und Glaubensverantwortung bei Edward Schillebeeckx OP | Auflage= | Verlag=Lit | Ort=Berlin | Jahr=2010 | ISBN=978-3-8258-1564-6 | Seiten=223f (Fußnote 116) }} ({{Google Buch|BuchID=7fQE0yzONoAC |Seite=PA223 |Linktext=eingeschränkte Online-Version|Land=US}})
Kritik in anderen wissenschaftlichen Disziplinen
Eine zentrale Aufgabe der Historiker ist die Quellenkritik; das ist die bestimmten Methoden folgende Beurteilung derjenigen schriftlichen und nicht-schriftlichen Quellen, aus denen die Geschichtswissenschaft ihre Erkenntnisse schöpft.
Zu den Methodenbeständen der Editionswissenschaft zählt die Textkritik, die im 19. Jahrhundert u. a. von Friedrich Schleiermacher, Karl Lachmann und Friedrich August Wolf entwickelt wurde und die das Handwerkszeug umfasst, das für die Entwicklung historisch-kritischer Ausgaben literarischer und anderer Texte benötigt wird. Dies gilt selbst für Bibeltexte. Die historisch-kritischen Methode, die in der evangelischen und katholischen und evangelischen Theologie heute die Standardmethode der Bibelauslegung ist, umfasst über die Textkritik hinaus aber auch Methoden wie die Literarkritik, Redaktionskritik, die Formkritik und die Traditionskritik.
Umgangssprachliche Bedeutung von „Kritik“
Als Kommunikation über Probleme bildet Kritik eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass Probleme behoben werden können. Da niemand seine Handlungen gern in Frage gestellt sieht, wird sie vom Empfänger freilich meist als unangenehm empfunden. Umgekehrt erteilen Menschen auch ungern Kritik, weil sie wissen, dass diese kaum willkommen ist. Die erlernte Fähigkeit, Kritik nicht als Angriff gegen die eigene Person, sondern als nützlichen Hinweis für Handlungsverbesserungen aufzunehmen, und die erlernte Fähigkeit, Kritik so zu üben und zu formulieren, dass sie anstatt zu kränken im Gegenteil motiviert, wird als Kritikkompetenz bezeichnet.
Siehe auch
*Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik, Sozialismuskritik, Wertkritik
*Kulturkritik, Medienkritik, Werbekritik
*Zeitkritik, Geschichtskritik
*Religionskritik, Kirchenkritik, Islamkritik
*Schulkritik
*Sprachkritik
*Immanente Kritik
*Selbstkritik
*Correctio Fraterna
Literatur
* Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Prismen, Frankfurt am Main 1976 (zur Praxis der Kritik siehe dort, S. 23).
* Carl von Bormann (G. Tonelli): Kritik. I. Die Geschichte des K.-Begriffs von den Griechen bis Kant. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4 (1976), Sp. 1249-1267 (für diesen Artikel nicht ausgewertet).
* Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend. transform.epicp.net, Mai 2001. ([http://transform.eipcp.net/transversal/0806/butler/de/ Online]. Abgerufen am 8. Juni 2010)
* Michel Foucault: Was ist Kritik? Berlin 1982.
* Helmuth Holzhey: Kritik. II. Der Begriff der K. von Kant bis zur Gegenwart. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4 (1976), Sp. 1267-1282 (für diesen Artikel nicht ausgewertet).
* Rahel Jaeggi/Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik?, Frankfurt am Main : Suhrkamp 2009, ISBN 978-3-518-29485-7.
* Dieter Prokop: Das fast unmögliche Kunststück der Kritik. Erkenntnistheoretische Probleme beim kritischen Umgang mit Kulturindustrie. Tectum Verlag, Marburg 2007
* Kurt Röttgers: Kritik. In: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 3. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Klett, Stuttgart 1982, S. 651–675 (für diesen Artikel nicht ausgewertet).
* Thomas Zinsmaier / Red. / Gert Ueding: Kritik. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt: WBG 1992ff., Bd. 10 (2011), Sp. 530-545 (für diesen Artikel nicht ausgewertet).
Weblinks
{{Wiktionary|Kritik}}
{{Wikiquote|Kritik}}
Einzelnachweise
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da:Kritik
Criticism
es:Crítica
fa:نقدگرایی
fi:Arvostelu
hi:समालोचना
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ur:تنقید
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