Kommerzialisierung
Der Begriff Kommerzialisierung beschreibt die Ausbreitung des Marktes und einer ökonomischen Handlungslogik in andere gesellschaftliche Bereiche. Unter anderem spielt die Frage der Kommerzialisierung von immateriellen Gütern im Zivilrecht eine Rolle. Daneben wird in kulturkritischen Analysen von der Kommerzialisierung der Künste, der Wissenschaften oder des Sportes gesprochen.
Zivilrecht
In der deutschen Rechtswissenschaft wird unter Kommerzialisierung diskutiert, inwieweit Schadensersatz in Geld für Schäden zu leisten ist, die ursprünglich als Nichtvermögensschäden verstanden worden sind. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass in der heutigen Wirtschaftsgesellschaft nahezu alles für Geld zu haben ist.
Das Gesetz unterscheidet allerdings in {{§|253|bgb|juris}} Abs. 1 BGB ausdrücklich zwischen Vermögens- und Nichtvermögensschäden und lässt für letztere eine Entschädigung in Geld nur dann zu, wenn das Gesetz es ausdrücklich bestimmt (z.B. Schmerzensgeld).
Nach der Rechtsprechung zum Schutz des allgemeinen Persönlichkeitsrechts geht es darum, inwiefern Teile dieses Rechtes vermögenswerten Charakter haben können, so dass Verletzungen einen Schadensersatzanspruch nach sich ziehen.Reinhard Ellger: Bereicherung durch Eingriff: das Konzept des Zuweisungsgehalts im Spannungsfeld von Ausschliesslichkeitsrecht und Wettbewerbsfreiheit, Mohr Siebeck, 2002, ISBN 3161475755, S. 782. Gegen die Kommerzialisierung wird eingewandt, dass dadurch das Persönlichkeitsrecht für Dritte verfügbar würde. Befürworter argumentieren, dass die Persönlichkeit Prominenter ohnehin einer wirtschaftlichen Verwertung zugänglich sei und dies daher auch den Trägern des Persönlichkeitsrechts - oder deren Rechtsnachfolgern - zugute kommen solle.
Diskutiert wurde die Kommerzialisierung auch im Hinblick auf „entgangene Urlaubsfreuden“ (jetzt {{§|651f|bgb|juris}} Abs. 2 BGB: „Wird die Reise vereitelt oder erheblich beeinträchtigt, so kann der Reisende auch wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit eine angemessene Entschädigung in Geld verlangen.“). Andere stützen auch die zwischenzeitlich gewohnheitsrechtlich anerkannte richterliche Rechtsfortbildung auf den Kommerzialisierungsgedanken, nach der bereits die Möglichkeit, ein Kraftfahrzeug benutzen zu können, Geldeswert besitzt (sog. Nutzungsausfallentschädigung).
Öffentliches Recht
Rundfunk
Zur Vermeidung von Informationsmonopolen ist im Bereich der Rundfunkfreiheit eine durchgängige Kommerzialisierung von Informationen von allgemeiner Bedeutung unter Ausschluss von Dritten verfassungsrechtlich unzulässig.Andreas Steinert: Medienrecht, Telekommunikationsrecht und Kartellrecht- die Offenhaltung der Medienordnung, LIT Verlag Münster, 2003, ISBN 3825866254, S. 57
Menschlicher Körper
Internationales und vor allem europäisches öffentliches Recht schließt weitgehend die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers insbesondere vor dem Hintergrund der Organtransplantation aus. Dies ergibt sich aus der EU-Grundrechtecharta, Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation sowie der Biomedizinkonvention des Europarats.Ingrid Schneider: Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben – und zu welchem Preis? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 16.05.2011 - Thema: Organspende und Selbstbestimmung, [http://www.das-parlament.de/2011/20-21/Beilage/005.html]. Aus dem deutschen Verfassungsrecht ergibt sich auch eine Einschränkung des Rechts auf körperliche Selbstschädigung, wie sie mit einer Lebendspende von wichtigen Organen einhergeht (wie beispielsweise die gesetzliche Gurtanlegepflicht oder das Verbot des Konsums bestimmter Drogen zeigt).
Von Befürwortern eines regulierten Organmarktes wird eine Aufhebung dieses Verbotes und Etablierung des kommerziellen Organhandels gefordert. Diese Forderung stützt sich in der Regel auf eine utilitaristische Argumentation, nach der aus der Kommerzialisierung aufgrund finanzieller Anreize eine größere Verfügbarkeit von Organen resultieren würde. Sowohl Organspender als auch -empfänger würden von freiwilligen Geschäften auf dem Markt profitieren. Für die Gesellschaft sei die Dialysebehandlung kostenintensiver als eine Nierentransplantation.Ingrid Schneider: Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben – und zu welchem Preis? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 16.05.2011 - Thema: Organspende und Selbstbestimmung, [http://www.das-parlament.de/2011/20-21/Beilage/005.html]. Im Übrigen entspreche eine Kommerzialisierung der Organtransplantation der Autonomie des „Spenders“. Die Möglichkeit seine Organe, es geht praktisch vor allem um Nieren, zu verkaufen, wird als Ausfluss der Selbstbestimmung über den eigenen Körper verstanden, auch wenn dies eine Selbstschädigung beinhaltet. Alle Körperteile seien als „Eigentum“ zu verstehen.Ingrid Schneider: Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben – und zu welchem Preis? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 16.05.2011 - Thema: Organspende und Selbstbestimmung, [http://www.das-parlament.de/2011/20-21/Beilage/005.html].
Allerdings wird auch von den Befürwortern in der Regel ein „regulierter Organmarkt“ gefordert, so dass etwa die Verteilung der Organe nicht aufgrund des Preismechanismus, sondern auch aufgrund medizinischer und ethischer Kriterien (Dringlichkeit oder Wartezeit) erfolgen solle.Ingrid Schneider: Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben – und zu welchem Preis? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 16.05.2011 - Thema: Organspende und Selbstbestimmung, [http://www.das-parlament.de/2011/20-21/Beilage/005.html].
Von Gegnern der Kommerzialisierung wird angeführt, dass ein Organmarkt zu Verdrängung der postmortalen Spende durch die Lebendspende führen würde. Außerdem würde die kommerzielle Spende, die vor allem zu Lasten der Gesundheit und Würde ökonomisch unterprivilegierter Bevölkerungsschichten gehen würde, voraussichtlich zur Verdrängung der Spende im sozialen Nahbereich führen, die bisher insbesondere durch Familienangehörige sozusagen in Form eines Geschenkes erfolgt. Dadurch würden soziale Unterschiede noch weiter verstärkt und auf den Bereich des Körpers ausgedehnt. Zudem zeigen Untersuchungen aus Ländern wie Indien und Iran, in denen Märkte für Organtransplantationen bestehen, dass sich die Lebenssituation der Organspender durch den Verkauf einer Niere in der Regel nicht nachhaltig verbessert. Meist werden die Verkäuferinnen, oft handelt es sich um Frauen, durch akute wirtschaftliche Not und unter Druck durch Angehörige zu dem Schritt gebracht. Die einmalige Zahlung ändert jedoch meist nichts an der wirtschaftlichen Situation. Ein Großteil der Spender war nach einigen Jahren wieder überschuldet. Etwa vier Fünftel der Befragten in zwei Studien in Indien und Iran würden ihre Niere nicht noch einmal verkaufen, wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten, bzw. raten allgemein von einem Nierenverkauf ab.Ingrid Schneider: Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben – und zu welchem Preis? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 16.05.2011 - Thema: Organspende und Selbstbestimmung, [http://www.das-parlament.de/2011/20-21/Beilage/005.html].
Kultursphäre
In den verschiedenen Sparten der Kultur - z.B. Museen, Theater, Musikfestspiele -, die in der Regel von staatlicher Seite finanziert werden, suchen die verantwortlichen Leiter nach privaten Sponsoren, die die knapper gewordenen öffentlichen Mittel kompensieren oder aber ambitionierte Museums- und Festspiel-Projekte ermöglichen sollen. Die Sponsoren nutzen dies, um mit einem im Verhältnis zur Basisfinanzierung relativ geringen Betrag einen Imagetransfer herbeizuführen, das heißt: das Licht, das auf das kulturelle Event fällt, soll auch ihr Unternehmen in der Öffentlichkeit in einem besseren Licht erscheinen lassen.Siehe auch
* Cocakolonisierung
* Disneyfizierung
* Kommerz
* Kommodifizierung
* McDonaldisierung
Literatur
* Jürgen Heinrich: Medienökonomie, Bd. 2: Hörfunk und Fernsehen, Westdeutscher Verlag 2002
* Jochen Taupitz (Hg.): Kommerzialisierung des menschlichen Körpers. Veröffentlichungen des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim, Bd. 28, 2007, X, ISBN 978-3-540-69894-4
Weblinks
* [http://www.bpb.de/veranstaltungen/S3G23K,0,Volker_Lilienthal:_Kommerzialisierung_der_TVSender_ARD_und_ZDF.html Volker Lilientahl zur Kommerzialisierung der TV-Sender ARD und ZDF], Bundeszentrale für politische Bildung.
* Dirk Schindelbeck: Mittendrin statt nur dabei? Zur Entwicklungsdynamik von Fußball, Medien und Kommerz. In [http://www.bpb.de/files/AIWCS2.pdf Aus Politik und Zeitgeschichte (B26/2004)], Bundeszentrale für politische Bildung.
* [http://www.sport2null.de/index.php?artikel=kommerz_einleitung Kommerz in der Welt des Sports]
Einzelnachweise
Kategorie:Sozialer Prozess
Kategorie:Schuldrecht (Deutschland)
Kategorie:Wirtschaftsphilosophie
az:Merkantilbg:Комерсиализъм
Commercialism
et:Kommertsiaalsus
nl:Commercialisering
pl:Komercjalizacja
ru:Меркантильность
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