Emotionsregulation
Der Begriff Emotionsregulation bezeichnet innerhalb der Theorie der Emotionalen Intelligenz die Fähigkeit, seine Emotionen aktiv und zielorientiert zu beeinflussen und sie nicht als unabänderliche Folge von Aktionen anderer Personen oder des Umfeldes zu interpretieren, denen man passiv ausgeliefert ist. Um dies zu praktizieren, ist es notwendig, das erlebte Gefühl zunächst akzeptierend zu verstehen, darüber zu reflektieren, welche Reaktion angemessen erscheint und reflexartige, impulsive Handlungen zu vermeiden. C-H. Lammers, Emotionsbezogene Psychotherapie, Stuttgart 2008
Mechanismen
Nach psychoanalytischer Sichtweise erfolgt die Regulation von Emotionen vorwiegend unbewusst mit Hilfe von Abwehrmechanismen wie z. B. Verdrängung, Verleugnung oder Projektion, die von Sigmund Freud beschrieben und später von seiner Tochter Anna Freud (1936) differenziert wurden. Diese Mechanismen richten sich gegen unangenehme Gefühlszustände, die durch mentale Konflikte zwischen unterschiedlichen inneren Motiven ausgelöst werden (wie z. B. Wünsche bzw. „Triebregungen“ einerseits und Bewertungen der Vernunft oder des Gewissens andererseits). Aus der Perspektive der modernen "emotionsbezogenen Psychotherapie" geht es in erster Linie darum, dass Patienten in der Regel ihre belastenden Emotionen nicht korrekt wahrnehmen bzw. nicht verstehen, sondern sie ablehnen, bekämpfen oder vermeiden. Deshalb sollte der Therapeut eine akzeptierende und wertschätzende Haltung einnehmen. Nur so kann eine Validierung der belastenden Emotionen gelingen.C-H. Lammers: Emotionsbezogene Psychotherapie. Stuttgart 2008, S. 126
Entstehung
Die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft zu beruhigen und zu trösten, entsteht vermutlich aus der Erfahrung, von der Mutter beruhigt und getröstet zu werden.Allan N. Schore: Affect Regulation and the Origin of the Self: The Neurobiology of Emotional Development, Psychology Press, 1999, ISBN 0805834591 Zweifelsfrei nachgewiesen ist dieser Zusammenhang bis heute jedoch nicht.{{Literatur | Autor=Daniel Goleman | Titel=Emotional Intelligence | TitelErg=Why It Can Matter More Than IQ | Auflage=1 | Verlag=Bantam | Ort=New York | Jahr=1995 | ISBN=0-553-09503-X}}, S. 226
Forschungsansätze
Moderne Forschungsansätze untersuchen Emotionsregulation auch mit neurowissenschaftlichen Methoden. Sie greifen die Vorstellung mentaler Konflikte und deren Bewältigung u. a. durch Abwehrmechanismen auf, untersuchen aber z. B. auch die Unterdrückung, also das Nichtzeigen oder -ausdrücken von EmotionenGross & Levenson, 1993 bzw. die Unterdrückung des Handlungsimpulses. Dem wird die integrative Form der Emotionsbewältigung gegenübergestellt, bei der Emotionen zugelassen werden, indem das zur Emotion führende Erlebnis bewertet und die Angemessenheit bzw. „Berechtigung“ der Emotion auf Grundlage bisheriger Erfahrungen und möglicher Folgen abgeschätzt wird.Gross & John, 2002; Kuhl, 2001 Die Neu- oder Umbewertung des Emotionsauslösers mildert die emotionale Wirkung der Situation ab. Ein Beispiel für die Messung der Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, ist der „Cognitive Emotion Regulation Questionnaire“.Siehe zum Beispiel: F. Jermann u. a.: Cognitive Emotion Regulation Questionnaire. In: European Journal of Psychological Assessment, Vol. 22 (2006) und die dort angegebene Literatur
Emotionsregulation und Psychopathologie
Personen, die über gute Mechanismen zur Regulation ihrer Emotionen verfügen zeigen seltener Anzeichen für psychische Erkrankungen{{Literatur | Autor=Gross, J. J., & Munoz, R. F. | Titel=Emotion regulation and mental health. | Sammelwerk=Clinical Psychology: Science and Practice | Band=2 | Nummer=2 | Jahr=1995}}. Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation erhöhen dagegen die Gefahr einer psychischen Erkrankung sowohl bei Erwachsenen{{Literatur | Autor=Ehring, T., Fischer, S., Schnulle, J., Bosterling, A., & Tuschen-Caffier, B | Titel=Characteristics of emotion regulation in recovered depressed versus never depressed individuals. | Sammelwerk=Personality and Individual Differences | Band=44 | Nummer=7 | Jahr=2008}} als auch bei Kindern und Jugendlichen.{{Literatur | Autor=Trosper, S. E., Buzzella, B. A., Bennett, S. M., & Ehrenreich, J. T. | Titel= Emotion regulation in youth with emotional disorders: Implications for a unified treatment approach. | Sammelwerk=Clinical Child and Family Psychology Review | Band=12 | Nummer=3 | Jahr=2009}} Für die weit verbreiteten affektiven Störungen wird aufgrund des deutlichen Zusammenhangs zwischen ihrer Symptomatik und Emotionsregulation ein einheitliches Behandlungskonzept mit Schwerpunkt Emotionsregulation erforscht.{{Literatur | Autor=Barlow, D. H., Allen, L. B., & Choate, M. L. | Titel=Toward a Unified Treatment for Emotional Disorders. | Sammelwerk=Behavior Therapy | Band=35 | Nummer=2 | Jahr=2004}} Auch konnten Zusammenhänge zwischen einer gestörten Emotionsregulation und posttraumatischen Belastungsstörungen{{Literatur | Autor= Müller, C., Teschner, M., Assaloni, H., Kraemer, B., Schnyder, U., & Rufer, M. | Titel=Eine ambulante Stabilisierungsgruppe zur Verbesserung der Emotionsregulation bei komplexen posttraumatischen Störungen. | Sammelwerk=Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie | Band=57 |Jahr=2007}} und zwischen Emotionsregulation und generalisierten Angststörungen {{Literatur | Autor=Mennin, D. S. | Titel=Emotion Regulation Therapy for Generalized Anxiety Disorder. | Sammelwerk=Clinical Psychology & Psychotherapy | Band=11 | Nummer=1 | Jahr=2004}} nachgewiesen werden. Es existieren darüber hinaus auch Belege für einen Einfluss von Emotionsregulation auf Schmerzstörungen{{Literatur | Autor=Hamilton, N. A., Zautra, A. J., & Reich, J. W. | Titel= Affect and Pain in Rheumatoid Arthritis: Do Individual Differences in Affective Regulation and Affective Intensity Predict Emotional Recovery From Pain? | Sammelwerk=Annals of Behavioral Medicine | Band=29 | Nummer=3 | Jahr=2005}} und Essstörungen.{{Literatur | Autor=Hilbert, A., & Tuschen-Caffier, B. | Titel=Maintenance of binge eating through negative mood: A naturalistic comparison of binge eating disorder and bulimia nervosa. | Sammelwerk=International Journal of Eating Disorders | Band=40 | Nummer=6 | Jahr=2007}}
Forschungsgeschichte der Emotionsregulation
Bereits Freud beschreibt in seinem Strukturmodell der Persönlichkeit zwei Arten der Regulation von Angst: Die Unterdrückung von bestimmten Verhaltensweisen und die Vermeidung von ängstigenden Situationen.Freud, S. (1933). Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Eine tiefere Beschäftigung mit Emotionsregulation kam in der psychologischen Forschung danach aber erst wieder in Arbeiten von Richard Lazarus und Hans Selye zum Thema Stressbewältigung und Coping ab 1966 auf.Gross, J. J. (1999). Emotion regulation: Past, present, future. Cognition and Emotion, 13 (5), 551-573. Seit den 80er Jahren beschäftigte sich aber zunehmend zunächst die Entwicklungspsychologie und später auch Forschungen der Erwachsenenpsychologie mit dem Thema Emotionsregulation.Gross, J. J. (1999). Emotion and Emotion Regulation. In L. A. Pervin, & O. P. John (Hrsg.), Handbook of Personality: Theory and Research (2nd ed.). New York: Guilford. Nachdem das Thema auch in Arbeiten, die sich eigentlich zentral mit Emotion beschäftigten, immer mehr Aufmerksamkeit fand,{{Literatur|Autor=Frijda, N. H. |Titel=The Emotions |Jahr=1986 |Verlag=Cambridge University Press |Ort=Cambridge}} ist die Forschung rund um das Thema Emotionsregulation in den letzten 20 Jahren stark angewachsen.{{Literatur | Autor=Koole S. L. | Titel=The psychology of emotion regulation: An integrative review | Sammelwerk=Cognition & Emotion | Band=23 | Nummer=1 | Jahr=2009 | DOI =10.1080/02699930802619031}} In Deutschland sind hier vor allem Arbeiten von Berking und Znoj{{Literatur | Autor=Berking, M., & Znoj, H. | Titel=Entwicklung und Validierung eines Fragebogens zur standardisierten Selbsteinschätzung emotionaler Kompetenzen (SEK-27) | Sammelwerk=Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie | Band=56 | Nummer=2 | Jahr=2008}}{{Literatur | Autor=Znoj, H. | Titel=Formen der Bewältigung emotionaler Zustände als Prädiktoren ungünstiger und günstiger Therapieverläufe | Sammelwerk= Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin | Band=25 | Nummer=4 | Jahr=2004}} zu nennen. Basierend auf diesen Arbeiten wurde ein Trainingsprogramm zur Verbesserung der Emotionsregulation entwickelt.{{Literatur | Autor=Berking M. | Titel=Training emotionaler Kompetenzen | Verlag=Springer | Ort=Heildelberg | Jahr=2008 | ISBN=978-3540716822 }} Aber auch in neu entwickelten Therapieprogrammen für psychische Erkrankungen werden Übungen zur Verbesserung der Emotionsregulation eingesetzt (z.B. im Rahmen der Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie oder der Dialektisch Behavioralen Therapie){{Literatur | Autor=Segal, Z. V., Williams, J. M., & Teasdale, J. D. | Titel=Mindfulness-based cognitive therapy for depression: a new approach to preventing relapse. | Verlag=Guilford | Ort=New York | Jahr=2002}}{{Literatur | Autor=Linehan, M. M. | Titel=Cognitive behavioral treatment of borderline personality disorder. | Verlag=Guilford | Ort=New York | Jahr=1993}}
Literatur
* Egloff, B. (2009). Emotionsregulation. In V. Brandstätter & J. H. Otto (Eds.), Handbuch der Allgemeinen Psychologie: Motivation und Emotion (S. 714–722). Göttingen: Hogrefe.
* Egloff, B. (2009). Emotionsregulation. In G. Stemmler (Ed.), Enzyklopädie der Psychologie: Motivation und Emotion: Band 3. Psychologie der Emotion (S. 487–526). Göttingen: Hogrefe.
* Fonagy, Peter u.a. (2004). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst, Klett-Cotta.
* Gross, J.J. (Ed.)(2007), Handbook of Emotion Regulation. New York: Guilford.
* Gross, J. J., & John, O. P. (2002). Wise emotion regulation. In L. F. Barrett & P. Salovey (Eds.), The wisdom in feeling: Psychological processes in emotional intelligence. (pp. 297-319). New York, NY, US: Guilford Press.
* Kring, A.M., Sloan, D.M. (2009). Emotion Regulation and Psychopathology. New York: Guilford Press. ISBN 978-1-60623-450-1
* Lammers, C.-H. (2006). Emotionsbezogene Psychotherapie. Schattauer. ISBN 978-3794524990
* Leahy, R.L., Tirch, D., Napolitano, L.A. (2011). Emotion Regulation in Psychotherapy. New York: Guilford Press. ISBN 978-1-60918-483-4
*Ochsner, K.N., Gross, J.J. (2004). Thinking makes it so: a social cognitive neuroscience approach to emotion regulation. In: Vohs / Baumeister, The handbook of self-regulation.
* Schechter, D.S., Zeanah, C.H., Myers, M.M., Brunelli, S.A., Liebowitz, M.R., Marshall, R.D., Coates, S.W., Trabka, K.T., Baca, P., & Hofer, M.A. (2004). Psychobiological dysregulation in violence-exposed mothers: Salivary cortisol of mothers with very young children pre- and post-separation stress. Bulletin of the Menninger Clinic, 68(4), 319–337.
Einzelnachweise
Kategorie:Allgemeine Psychologie
Kategorie:Affekt
Kategorie:Motivation
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